Feierabend-Hofbesuch


Feierabend in Liechtenstein. Während sich die meisten Autofahrer:innen müde Richtung Zuhause stauen, tummeln sich auf Einladung des Vereins Feldfreunde rund 30 neugierige Menschen auf dem Schaaner Weidriethof des Biobauern Georg Frick. Als Bionetz-Leitbetrieb gewährt der Landwirt spannende Einblicke in seine tägliche Arbeit und zeigt, was auf seinen Fläche so alles wächst.


Betritt man den Innenhof des Betriebes, spürt man sofort: Hier wird normalerweise vor allem gearbeitet. Mehrere Meter hoch stapeln sich entlang eines Wirtschaftsgebäudes leere, hölzerne Erntekisten und warten darauf, in ein paar Wochen wieder mit reifer Frucht befüllt zu werden. Traktoren, Anhänger und jede Menge Geräte für Aussaat, Bodenbearbeitung und Kultivierung stehen in Garagen oder in Reih und Glied am Rande des Zufahrtsweges zum Einsatz bereit. Doch sie alle haben an diesem späten Mai-Nachmittag Pause. Der Hof füllt sich stattdessen nach und nach mit Menschen, die einer Einladung des Vereins Feldfreunde gefolgt sind, heimische Biolandwirtschaft hautnah zu erleben.

Die Stimmung ist vertraut und herzlich. Erste, angeregte Zwiegespräche plätschern bereits über den Hof, als Michaela Hogenboom als Geschäftsstellenleiterin des Vereins Feldfreunde das Wort ergreift. Sie begrüsst mit einem Strahlen die zahlreichen Gäste zu dieser weiteren Veranstaltung, mit der man den direkten Kontakt und Austausch zwischen Landwirt:in und Konsument:in fördern will. Danach dankt Flurina Seger, Präsidentin des Vereins und Geschäftsführerin der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein, noch kurz und bündig jenen Bauern und Bäuerinnen, die sich neben ihrer intensiven Arbeit noch Zeit für solche Anlässe nehmen, um ihren Hof für Interessierte zu öffnen und Rede und Antwort zu stehen.

Mit speckig-braunem Lederhut über dem sonnengebräunten Gesicht übernimmt schliesslich der Hausherr Georg Frick das Wort. Er schildert seinen persönlichen Werdegang von der anfänglichen Inspektions- und Zertifizierungstätigkeit für biologische Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz bis zum beruflichen Wechsel im Jahr 2011, als er selbst zum Biobauern in Liechtenstein mit insgesamt 46 Hektar Anbauflächen wurde. Doch bevor er seine Gäste zu diesen führt, deutet er auf ein kleines, weisses Gebäude hinter sich. «Das hier ist unser Hofladen, den ich gemeinsam mit der Floristin Ursina Walder führe. Sie bekommt von mir gratis die Verkaufsfläche und den Laden für ihre Produkte zur Verfügung gestellt. Dafür steht sie im Geschäft und verkauft auch die von mir produzierten Lebensmittel.»

Eine zarte Duftmischung aus Blumen, Duftkerzen und frischem Gemüse empfängt einen in dem liebevoll eingerichteten Verkaufslokal. Dekorativ im Raum verteilt finden sich auch jede Menge Accessoires für Zuhause. In dunklen Strohkörben feinsäuberlich aufgereiht liegen die Erzeugnisse aus dem Betrieb. «Jetzt Anfang Mai ist eigentlich die schwierigste Zeit», erklärt der Biolandwirt. «Wir können derzeit neben Salaten, Erdäpfeln und ein wenig Lagergemüse noch kaum Erntefrisches anbieten. Aber schon in ein paar Wochen verkaufen wir hier bereits unsere Auberginen, Tomaten oder Peperoni.» Ehe sich die Menschentraube wieder langsam nach draussen bewegt, deutet Georg Frick noch kurz auf einen Kühlschrank mit abgepackten Fleischstücken. «Das stammt übrigens von unseren eigenen Freilandschweinen. Nur das Metzgern übernehmen wir nicht selbst. Aber dafür jemanden zu finden, wird leider immer schwieriger, weil es kaum noch Metzger:innen gibt. Die Nachfrage wäre absolut da.»

Georg Frick begleitet die Besucher:innen aus dem Hofladen und führt sie zu einem Gewächshaus, in dem er vor allem Gemüse wie Salate, Tomaten, Paprika, Gurken oder Zucchetti anbaut. «Hier muss man im Gegensatz zu den Feldfrüchten natürlich viel händisch arbeiten, dafür gibt es allerdings keine Probleme mit Unkraut», erklärt der 49-jährige Landwirt. «Nur mit der Temperatur heisst es hier drinnen aufpassen: Alles über 35 Grad ist für die Pflanzen nicht gut.» Als Bodenabdeckung sieht man im Gewächshaus neben schwarzen Kunststoffbändern auch eine dicke Mulchschicht. Der Grund? «Das Wasser verdunstet darunter nicht so schnell und der Boden bleibt deutlich schöner.» Ein älterer Herr fragt interessiert nach: «Wäre in meinem Glashaus zuhause auch der Rasenschnitt ein geeigneter Mulch?» Georg Frick nickt. Auch für solche Fragen ist bei einem Hofbesuch immer Platz und Zeit.

Die bunte Schar verlässt das Gewächshaus und zieht als lange Karawane Richtung Obstplantage. Einige nutzen im Gehen die Chance, sich mit dem Biolandwirt über Erfahrungen im eigenen Garten zu unterhalten oder sich konkrete Praxistipps zu holen. Andere sprechen untereinander über ihre Lieblingsobst- und Gemüsesorten oder gar bevorzugte Zubereitungsarten. Ein lebendiger und lockerer Austausch ohne jeden Zwang.

Die Gruppe kommt vor der Obstplantage zum Stillstand und steht kreisförmig um den Biobauern. «Zu Beginn habe ich hier nur Himbeeren angebaut. Auch, weil sie mir selbst so gut schmecken. Aber die Himbeerstauden funktionierten hier einfach nicht. Irgendwann war jede zweite Frucht wurmbefallen», erinnert sich Georg Frick. Die teure Anlage samt Gestänge einfach brach liegen zu lassen, war keine Option. Die Lösung brachte vor allem der Anbau von Zwetschgen und Kirschen. «Blattläuse sind bei diesen Pflanzen eigentlich das Hauptproblem», weiss der Schaaner Landwirt, als er nach einem zarten Kirschzweig greift und ihn von allen Seiten betrachtet. «Als Biobauer hat man ja nur sehr beschränkte Möglichkeiten, auf Schädlingsbefall zu reagieren. Dank einer speziellen Steinmehlmischung, die ich im Herbst spritze, bin ich aber bis jetzt davon verschont geblieben. Und gegen Hagelschäden schützt das Netz sehr gut. Das über die komplette Obstplantage zu schliessen, braucht allerdings vier Leute und einen ganzen Tag Arbeit.»

Als Georg Frick mit seinen Hofbesucher:innen gerade die letzten Anbaureihen abgeht und sich nebenbei mit den Teilnehmer:innen angeregt über das Pachtsystem in der heimischen Landwirtschaft unterhält, bleibt er plötzlich vor einem Kirschbaum stehen: «Diese Krisi-Sorte hier, die Kordia, ist übrigens die beste für jeden Privatanbau: guter Ertrag und sehr guter Geschmack. Nur ein wenig frostempfindlich. Aber wenn die bei mir hier im Kälteloch tut, tut sie es auch bei euch im Garten», schmunzelt der erfahrene Obstbauer.

Weiter geht es Richtung Benderer Strasse, in deren unmittelbaren Nähe Georg Frick vor rund einem Jahrzehnt 140 Apfelbäume gepflanzt hat. «Wenn, dann gleich ordentlich, dachte ich mir damals: insgesamt 14 verschiedene gute Mostobstsorten, die alle recht robust und nicht sehr feuerbrandgefährdet sind», erinnert sich der Landwirt und macht auf eine Besonderheit aufmerksam: «Auf der linken Seite der Zufahrtsstrasse wurde der Boden einmal mit richtigem Röfidreck angereichert und dort sind die Bäume fast doppelt so gross wie auf der rechten Seite, wo es auch deutlich mehr Nässe hat. Jeder Boden ist halt ein eigenes, komplexes und heikles System, das man nicht so einfach flicken kann, wenn einmal etwas nicht ganz so passt.»

Stichwort «heikel»: Der gefährlichste Programmpunkt des heutigen Rundgangs steht noch bevor. Die Überquerung der stark befahrenen Benderer Strasse, um die dort in zehn Streifen angepflanzten Brotgetreidesorten zu begutachten. Landwirtschaftsexperte Florian Bernardi, der dieses Bionetz-Projekt mitbetreut, das heimischen Betrieben neben mehr Qualität auch mehr Vermarktungsmöglichkeiten bringen soll, hat sich eine Schaufel geschnappt und nimmt damit eine tiefe Bodenprobe vom Feldrand. Er hält sie für alle sichtbar über einen asphaltierten Weg. Georg Frick greift nach der dunklen Erde, in der sich einzelne Würmer schlängeln: «Würmer sind immer ein gutes Zeichen. Die Bodenstruktur hingegen ist leider noch nicht ideal. Man sieht darin, dass der Acker lange mit schwerem Gerät bei zu nassen Bedingungen bis in tiefe Schichten hinein bearbeitet worden ist. Ich selbst habe dieses Jahr auf dieser Fläche nicht gepflügt, sondern nur mit der Scheibenegge die oberste Schicht bearbeitet.»

Keine Sorge bereitet dem Landwirt hingegen das Unkraut, das er zwischen den Getreidehalmen einzeln herausrupft. «Da ist die biologische Landwirtschaft sogar im Vorteil, weil unser langes Getreide dem Unkraut richtig davonwächst. Bei konventioneller Bewirtschaftung wäre die Wuchshöhe des Getreides deutlich geringer, da es mittels Pflanzenhormonen künstlich verkürzt wird. Auf diesem kürzeren und damit standfesteren Getreide wachsen grössere Ähren und man kann so auch mehr ernten.»

Die letzten Strahlen der Abendsonne haben sich mittlerweile flach und orangefarben über das Rheintal gelegt. Die Besucherschar hat sich wieder im Hof versammelt und dankt mit einem kurzen Applaus dem Hausherrn für die interessanten Einblicke. Bevor es für alle nach Haus geht, lädt Flurina Seger vor Ort noch zu einer kleinen kulinarischen Stärkung und zum weiteren Austausch untereinander ein. «Auch das ist ein ganz wesentlicher Teil unserer Arbeit», betont die 37-jährige Präsidentin des Vereins.

Der stimmige Schlusspunkt stammt aus den Händen von Thomas Marxer. Der gelernte Koch ist hauptberuflich für das Clinicum Alpinum in Gaflei tätig, in seiner Freizeit widmet er sich zudem leidenschaftlich dem Zubereiten von Speisen, die vornehmlich aus regionalen und saisonalen Zutaten bestehen. Im Idealfall frisch von liechtensteinischen Äckern und aus heimischen Gärten. «Kartoffelbites mit Labneh, Frühlingszwiebeln, Hanfnüssen und Gewürzöl» oder «Palatschinkenröllchen mit Quark-Rhabarber und Kräutern» sind dabei nur zwei jener appetitlich zubereiteten Happen, die neben Apfelmost, Wein und Bier auf dem einfachen Buffettisch stehen.

Auf harmonische Weise schliesst sich so der Kreis an diesem Nachmittag: vom Wissenshunger zu Beginn auf all das, was eine biologische Landwirtschaft hierzulande ausmacht und benötigt, bis zum wohlschmeckenden Nachgeschmack, was wir ihr letztlich zu verdanken haben. Und in Zukunft hoffentlich noch viel mehr verdanken werden.

Auch Felix ist mittlerweile mit seiner Arbeit fertig und bereit für die Weiterfahrt zum nächsten Feld. Beim Verstauen der Werkzeuge im Auto dreht sich Florian nochmals kurz in Richtung des Landwirtschaftsbetriebes von Martin Kaiser: „Dieser Biohof hier ist übrigens ein gutes Beispiel, dass neue Getreidesorten auch die Chance bieten, kurze regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen und neue Produkte für den regionalen Markt zu produzieren. Der hier auf diesem Feld angebaute Hartweizen soll nämlich gemeinsam mit den Eiern aus der eigenen Hühnerhaltung und mittels eines regionalen Kooperationspartners zu hochwertigen Teigwaren verarbeitet werden: also Teigwaren, die wirklich zu 100% aus Liechtenstein stammen.“ – Eine Vorstellung, die einem nicht nur angesichts der heranrückenden Mittagsstunde im Schaaner Riet das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, sondern auch richtig Appetit auf eine innovative und nachhaltige Landwirtschaft in Liechtenstein macht.



Autor: Paul Herberstein

Fotos: Julian Konrad

Video: Oliver Ospelt


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